Zitat der Woche Nr. 8 – Ein vielleicht seltsam anmutendes Zitat über den Selbstwert

Zitat der Woche Nr. 8 – Ein vielleicht seltsam anmutendes Zitat über den Selbstwert

Zitat der Woche Nr. 8 – Ein vielleicht seltsam anmutendes Zitat über den Selbstwert 150 150 Psychotherapie für Erwachsene und Paare

Jeder ist in erster Linie einzig. Er muß wissen, was er sich
selbst schuldig ist. Die anderen gehen ihn in keiner wesentlichen Frage je in erster Linie an.“
Eduard Graf von Keyserling

Ist das nicht ein höchst bemerkenswertes und seltsames Zitat? Für mich jedenfalls schon und ich merke, wie an manchen Stellen bei mir ein Gefühl der Befremdlichkeit und Ablehnung auftritt. Doch nicht zu schnell … Eigentlich wollte ich etwas zum Thema „Selbstwert“ schreiben. Das kam mir aus dem einfachen Grund, da dieser Begriff in Psychotherapien immer wieder fällt. Nicht von meiner Seite, meine Klientinnen und Klienten verwenden ihn immer wieder gerne. Meist aus dem Hintergrund heraus, dass sie von sich selbst glauben, einen nur geringen Selbstwert zu besitzen, also zu wenig von dem besitzen, was man gemeinhin als Selbstwertgefühl bezeichnet. Eben aus diesem Grund dachte ich bei mir, es wäre schön, ein paar Worte darüber zu philosophieren.

Im Zuge meiner Auseinandersetzung mit dem Begriff und seinen verschiedenen Bedeutungsspuren bin ich dann auf dieses Zitat gestoßen, welches Eduard Graf von Keyserling zugeschrieben wird. Eduard Graf von Keyserling, alleine der Name hört sich schon … na wie hört er sich an? … irgendwie, nun ja, steif und gleichzeitig verspielt. Bis ich auf das Zitat stieß, wusste ich gar nicht, dass es den Grafen je gegeben hat. Sicherlich eine Bildungslücke, aber das passiert. Jedenfalls war mein Interesse geweckt und ich begann nachzulesen. Ich wollte einfach wissen, wer die Person ist, die hinter diesen Worten steckt.

Der Graf wurde 1855 als Sohn einer deutschen Adelsfamilie in Lettland geboren. Er starb 1918 in München, ungefähr 6 Wochen vor dem Ende des ersten Weltkrieges. Er war das zehnte von zwölf Kindern – eine Familienkonstellation, die heutzutage in Mitteleuropa nicht mehr so oft vorkommt. Es ist nicht genau nachvollziehbar, was passiert ist, aber 1877 wurde von Keyserling aus seiner Studentenverbindung ausgeschlossen. Es dürfte sich nur um eine Kleinigkeit gehandelt haben, aber mit großen Auswirkungen. Der Graf war von da an gesellschaftlich geächtet. Sowohl Freunde als auch die Familie wandten sich von ihm ab. Er musste quasi ins Exil gehen. Es zog ihn nach Wien und Graz, wo er Philosophie und Kunstgeschichte studierte.

Dem Grafen blieb, wie man so schön sagt, nichts erspart. Bereits vor 1897 war er an Syphilis erkrankt, hatte ein schweres Rückenmarksleiden und wurde zunehmend blind. Diese Leiden führten dazu, dass sich von Keyserling immer mehr zurückzog und aufgrund einer durch den ersten Weltkrieg verursachten Geldnot dazu überging, als Schriftsteller zu arbeiten. Daraus entstanden einige der bedeutendsten Werke der deutschen impressionistischen Literatur. Im Zuge meiner Recherchen habe ich damit begonnen, einen von Keyserlings bekanntesten Romanen mit dem Titel „Wellen“ zu lesen. Ich war ganz erstaunt, wie es dieser Mann mit beneidenswerter Feinfühligkeit versteht, Menschen und Orte in Szene zu setzen. Bei seiner Beschreibung des Meeres hatte ich wirklich das Gefühl, an einem Strand zu stehen und die salzige Luft zu riechen, die mir entgegen bläst. Gleichzeitig versteht er es aber auch, menschliche Regungen und Gefühle kunstvoll auszudrücken. Von Keyserling hat nie geheiratet und man sagt von ihm, dass er ein nicht besonders schöner Anblick war. Eine andere Quelle hat mir jedoch verraten, dass der Graf trotz seiner Krankheiten ein recht geselliger Mensch war, der anderen immer offen und warmherzig begegnet ist. Er unterhielt sich gerne und war immer für ein Pläuschchen zu haben.

Wie geht das nun alles mit unserem Zitat zusammen? Können uns diese wenigen biografischen Informationen helfen, den Sinn dieser Worte besser zu erfassen? Einen Versuch ist es vielleicht wert. Er beginnt damit zu sagen, dass jeder in erster Linie einzig ist. Die Wahrheit solcher Sätze hängt immer davon ab, von welchem Standpunkt aus man auf die Welt blickt. Die Vermessung des Menschen in unserer von einem wissenschaftlich gestützten Materialismus geprägten Welt hat den Menschen auf vielen Ebenen entindividualisiert, auch wenn das Gegenteil oft behauptet wird. Wir sind berechenbar und vorhersagbar geworden. Vorhersagbare Teilchen in der Abfolge eines vom Menschen geschaffenen Algorithmus. Blickt man jedoch mit einer anderen Brille oder verändert den Standpunkt, dann sieht das Bild gleich wieder ganz anders aus, bei weitem komplexer und bunter. Besonders in der Psychotherapie, wo man mit vielen Menschen eine sehr tiefe und persönliche Beziehung eingeht, die im Alltag nur selten vorzufinden sind, wird klar, wie einzigartig jeder Mensch ist. Auf dieser Ebene der Betrachtung hört der Mensch auf, Teil eines mechanischen Apparates zu sein und entpuppt sich als zutiefst kreativer, lebender Prozess, der in seiner Einzigartigkeit gleichzeitig eine ständige Veränderung und Weiterentwicklung unterliegt. Aus dieser Erfahrung heraus möchte auch ich den Menschen zuallererst von seiner Einzigartigkeit her betrachten. Von Keyserling schreibt nun über das einzigartige Individuum weiter: „Er muß wissen, was er sich selbst schuldig ist.“ An dieser Stelle wird es, glaube ich, für viele Menschen schon schwieriger, mitzugehen. Es ist noch leicht zu sagen, ja, ja, ich bin einzigartig auf dieser Welt, mich gibt es kein zweites Mal. In einem nächsten Satz kann man dann jedoch schon mit Leichtigkeit eine negative Bewertung anbringen, sich selbst für seine Unzulänglichkeit in der Welt herabsetzen, sich mit anderen vergleichen. Ein besonderes Schlagwort in der heutigen „Psychoszene“ ist der Narzissmus, also eine überhöhte Eigenliebe und Ich-Zentriertheit. Manche Menschen, so scheint mir, sehen im Narzissmus ein Synonym für Egoismus. In unsere Praxis kommen nur sehr selten Menschen, bei denen wir den Eindruck hätten, dass sie unter einem starken Narzissmus leiden. Narzissten leiden oft nicht, ihr Umfeld leidet unter ihnen. Somit kommen sie auch nur in Therapie, wenn sie von etwas anderem betroffen sind, z.B. einer Erschöpfungsdepression oder ähnlichem. Viel häufiger kommen jedoch Menschen in Therapie, die weit davon entfernt sind, als narzisstisch zu gelten, gleichzeitig aber unglaubliche Angst davor haben, von anderen als egoistisch gesehen zu werden. Diese Menschen wissen leider oft nicht, dass sie sich selbst auch etwas schuldig sind, also selber auch Bedürfnisse haben und sehr unzufrieden sind, wenn viele von diesen Bedürfnissen nicht befriedigt werden. Sie haben aber Angst davor, von anderen für egoistisch und selbstbezogen gehalten zu werden, sodass sie ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen. Alles in der Hoffnung für ihre eigene Selbstaufgabe, um von den anderen ein wenig Liebe und Anerkennung zu bekommen. Es ist die Hoffnung, von anderen das zu bekommen, was man sich selbst beim besten Willen noch nicht zugestehen kann. Immer wieder hören wir Klientinnen und Klienten sagen: „Das ist unvorstellbar, dass ich mich selbst wichtig und ernst nehme, da werde ich doch zum Egoisten, keiner mag Egoisten.“ Das Schlimmste für Menschen, die sich selbst als Egoisten wahrnehmen möchten und in ihrer Selbstaufgabe nach der Liebe und Anerkennung anderer suchen, ist natürlich der letzte Satz in von Keyserlings Zitat, wo er schreibt: „Die anderen gehen ihn in keiner wesentlichen Frage je in erster Linie an.“ Diese Überheblichkeit kann man einer altruistischen Moral folgend nicht gelten lassen. Menschen, die sich selbst nicht wichtig nehmen können, weil sie vielleicht von anderen nie das Gefühl erhalten haben, wichtige Personen zu sein, können sich selbst nicht ins Zentrum ihres eigenen Lebens stellen. Der andere ist immer wichtiger, man selbst im Gegensatz zum anderen nicht wirklich etwas wert. Der eigene Wert muss in der ständigen Hingabe zum anderen in einem immerwährenden Kreislauf neu geschaffen werden, was unendlich unbefriedigend sein kann.

Von Keyserlings Satz durchbricht diese Sichtweise radikal. Er setzt sich selbst ins Zentrum und sagt, der Ausgangspunkt meines Denkens und Handelns, meiner Selbstbezüglichkeit, bin ich. Somit sehe ich das Zitat des Grafen nicht als eine Aufforderung zu einer narzisstischen Lebensweise, sonder vielmehr als eine eindringliche Erinnerung an all jene, die Gefahr laufen, sich selbst zu verlieren bzw. aufzugeben und dabei auch noch unsäglich leiden. Vielleicht ist das eine Erfahrung, die auch der Graf für sich selbst machen musste. Immerhin wurde er aus seiner Heimat verbannt und bei so vielen Geschwistern musste er sicherlich um jedes Quäntchen liebevoller Anerkennung hart kämpfen. Seine Bücher ermöglichen jedenfalls einen tiefen Einblick in die menschliche Seele und ihre inneren Bedrängnisse, er war also sicherlich kein stumpfer Mensch. Ich denke, dass es sich auszahlt, auch wenn sich vielleicht innere Widerstände regen, genauer über seine Worte nachzudenken und zu überlegen, was sie für das eigene Leben bedeuten könnten.

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