Zitat der Woche Nr. 12 – Man nimmt Konflikte aus der eigenen Biografie in die Partnerschaft mit!

Zitat der Woche Nr. 12 – Man nimmt Konflikte aus der eigenen Biografie in die Partnerschaft mit!

Zitat der Woche Nr. 12 – Man nimmt Konflikte aus der eigenen Biografie in die Partnerschaft mit! 150 150 Psychotherapie für Erwachsene und Paare

Der Konflikt, den ein Paar zeigt, ist nicht nur in der aktuellen Beziehungssituation begründet, sondern hat einen lebensgeschichtlichen, in der Persönlichkeit verankerten Hintergrund. Auch wenn es nicht notwendig ist, in jedem Fall diese Hintergründe therapeutisch zu bearbeiten, und es oftmals leichter gelingt, eine partnerschaftliche Störung auf der Verhaltensebene direkt anzugehen, ist es trotzdem für den Therapeuten von Vorteil, wenn er die möglichen Hintergründe einer Beziehungsstörung zu verstehen mag.“ Jürg Willi

Aus Jüg Willi: Die Zweierbeziehung. Erstausgabe 1975. Zitat aus der dritten Auflage 2016, S. 81

Jürg Willi gilt als einer der wichtigsten Autoren für Paartherapie. Sein Ansatz war im Jahr 1975 eine Revolution: Er ging davon aus, dass beide Partner persönliche Konflikte in die Beziehung mitnehmen und diese Konflikte dann in Paarkonflikten sichtbar werden. Weshalb war dies eine revolutionäre Sicht? Zu Willis Zeit gab es die allgemeine Meinung, dass ein Partner in einer Ehe der „Verursacher“ von Konflikten sei – es gab sozusagen einen „Schuldigen“ und einen „Unschuldigen“ (diese Vorstellung war auch im Scheidungsrecht sichtbar – dort wurde von „schuldig“ und „unschuldig“ geschieden gesprochen). Manches Mal begegnet uns diese Sicht auch heute noch in Paartherapien – manche Paare kommen, um herauszufinden, „bei wem das Problem liegt“, damit es gelöst werden kann.

Jürg Willi veränderte nun diese Sichtweise, in dem er meinte, dass Partnerkonflikte eigentlich aus beiden Partnern heraus entstehen. In der heutigen Zeit mag diese Überlegung ein wenig „banal“ klingen, doch vor fast 45 Jahren war sie neu. Willi stellte die Hypothese auf, dass Partner – in einer weniger guten Beziehung – sich gegenseitig in ihren eigentlich persönlichen Konflikten fördern und sogar eine persönliche Entwicklung in jedem Einzelnen verhindern können. Dies geschieht natürlich mehr oder weniger unbewusst und nicht „absichtlich“. Die persönlichen Konflikte bleiben so jedoch weiterhin bestehen, ja können durch die Beziehung sogar noch verstärkt werden, und belasten die Beziehung.

Vielleicht ein einfaches Beispiel, um diese Hypothese zu verdeutlichen: Ein persönlicher Konflikt der Frau besteht darin, dass sie sich dann als wertvoll erlebt, wenn sie anderen helfen kann. In der Partnerschaft mit ihrem Mann fühlt sie sich dann wertvoll, wenn sie ihrem Mann viele Dinge des alltäglichen Lebens abnehmen kann. Der persönliche Konflikt des Mannes sieht wie folgt aus: Er hat das Gefühl, nicht gut genug zu sein, viele Dinge nicht bewältigen zu können – und andere Menschen würden Dinge besser machen als er. In der Partnerschaft mit seiner Frau hat er also den Eindruck, seine Frau könne die Dinge viel besser als er, er fühlt sich ihr in gewissen Dingen unterlegen.

Man könnte meinen, diese beiden persönlichen Konflikte passen sehr gut zusammen – die Partner ergänzen sich wunderbar. Dies stimmt auch in gewisser Weise – tatsächlich können solche Partnerschaften über Jahrzehnte gut funktionieren, weil beide ihre persönlichen Konflikte quasi über den Partner lösen können. Doch nicht selten geschieht mit den Jahren der Partnerschaft folgendes: Die Frau gewinnt mehr und mehr den Eindruck, zu viel des gemeinsamen Lebens übernehmen zu müssen und fühlt sich mehr und mehr unter Druck, überfordert und erschöpft (vor allem, wenn Kinder in die Partnerschaft kommen!) Umgekehrt hat der Mann mehr und mehr den Eindruck, eigentlich nicht gebraucht zu werden, überflüssig zu sein und vielleicht von der Frau dominiert zu werden. Er gewinnt die Sicht, nichts mehr sagen zu haben.

Nun zurück zu Jürg Willi: Mit seinem Zitat meint er, dass es in der therapeutischen Arbeit manchmal sinnvoll ist, sich die jeweiligen persönlichen Konflikte, die die Partner aus ihrem vorigen Leben in die Partnerschaft mitnehmen, anzuschauen. Im Erstgespräch einer Paartherapie/Paarberatung sprechen wir dies auch immer an: Wir klären auf, dass es immer wieder vorkommen kann, dass wir nicht nur über die aktuelle Beziehung sprechen, sondern uns auch die persönlichen Hintergründe jedes einzelnen Partners ansehen. Damit wird Paartherapie in manchen Einheiten zu „Einzeltherapie in Anwesenheit des Partners“ – selbstverständlich nur, wenn es für beide Partner in Ordnung ist.

Was ich festgestellt habe und als sehr schön erlebe, ist folgendes: Es ist für die Beziehung oft sehr bereichernd, wenn der Partner bei der Selbsterfahrung des anderen Partners, also beim genaueren Ansehen seiner persönlichen Hintergründe und Konflikte, „live dabei“ sein kann. Ich beobachte immer wieder, dass solche Erfahrungen eine Beziehung zu mehr Tiefe führen können. Oftmals entstehen so Beziehungen, die „offener und ehrlicher“ sind und die Partner näher aneinander führen. Zusätzlich entsteht ein größeres Verständnis für den Partner, warum er oder sie sich in manchen Situationen so und so verhält – die Empathie für den Partner wächst. Dieses Verständnis führt dann wiederum zu Partnerschaften, wo Konflikte zwar aufbrechen, aber – und das ist das Entscheidende – wieder gut geschlossen werden können – und das Paar um eine gemeinsame Erfahrung reicher ist.

Datenschutzeinstellungen

Wenn Sie unsere Website besuchen, werden möglicherweise Informationen über bestimmte Dienste in Ihrem Browser gespeichert, normalerweise in Form von Cookies. Hier können Sie Ihre Datenschutzeinstellungen ändern. Bitte beachten Sie, dass das Blockieren einiger Arten von Cookies Auswirkungen auf die Funktionen unserer Website und den von uns angebotenen Diensten haben kann. Informationen zu Cookies und Ihre Widerspruchsmöglichkeit finden Sie hier.

Klicken Sie, um Google Analytics zu aktivieren/deaktivieren.
Klicken Sie, um Google Fonts zu aktivieren/deaktivieren.
Klicken Sie, um Google Maps zu aktivieren/deaktivieren.
Unsere Website verwendet Cookies hauptsächlich von Drittanbietern. Definieren Sie Ihre Datenschutzeinstellungen und / oder stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.